Rede zum Antrag der Fraktion der SPD „NRW muss funktionieren: Fachkräfteoffensive für Frauen in NRW starten – Erwerbspotenziale endlich heben“

„Es gilt das gesprochene Wort!“

Herr Präsident,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

als der Bundeskanzler und die Wirtschaftsministerin vor ein paar Wochen gefordert haben, dass mehr gearbeitet werden müsse, stand die SPD auf den Barrikaden. Jetzt stellt die SPD-Fraktion hier im Landtag einen Antrag, über den im Prinzip stehen könnte: „Frauen sollten mehr arbeiten“.
Ich stelle mir nur mal vor, was los wäre, wenn Friedrich Merz das gesagt hätte.
Auch sonst muss man so seine Zweifel haben, ob Sie es mit Ihrem Antrag wirklich ernst meinen. Und auch sonst erweckt die SPD ja eher den Eindruck, als ob Arbeit etwas sei, das möglichst wenig stattfinden solle:
Möglichst früh in Rente, möglichst kurze Arbeitszeiten, möglichst viele Urlaubs- und Feiertage.
Und jetzt wollen Sie ausdrücklich, dass Frauen mehr arbeiten?
Der der Fachkräftemangel lässt sich nun mal nicht beheben, wenn nicht mehr gearbeitet wird. Entweder arbeiten die, die schon arbeiten, MEHR oder es gibt MEHR Menschen, die überhaupt arbeiten.
An beiden Themen sind wir alle auf allen Ebenen seit Jahren dran. Im Übrigen durchaus mit Erfolg. Die Erwerbstätigenquote steigt ja seit einigen Jahren.
Ihr Antrag gibt da jetzt leider keinen neuen oder zusätzlichen Impuls.

Zu Beginn des Jahres hat das MAGS im Ausschuss für Frauen und Gleichstellung am 16.01.2025 -auf einen SPD-Antrag hin- berichtet, was das Land alles tut, um dem Fachkräftemangel zu begegnen und insbesondere das Erwerbspotenzial von Frauen besser zu nutzen.
In diesem Bericht ist von insgesamt 64 Einzelmaßnahmen die Rede und davon, was die Landesregierung jetzt ressortübergreifend tun wird, um diese besser zu vernetzen und aufeinander abzustimmen.
Im Prinzip steht in dem Bericht das Gleiche wie in Ihrem Antrag.
Sie sind nach monatelangem Nachdenken jetzt noch darauf gekommen, dass man das, was ohnehin getan wird, noch besser, intensiver, öfter tun, mit mehr Geld ausstatten oder irgendwie anders nennen, in jedem Fall aber vernetzen sollte.
Das ist jetzt wirklich nicht der große Wurf !

Vieles spricht dafür, dass andere Faktoren als das Bundesland des Wohnsitzes die entscheidende Rolle dabei spielen, ob eine Frau sich dafür entscheidet,
Vollzeit statt Teilzeit zu arbeiten.
Die Teilzeitquoten von Frauen sind im Ruhrgebiet deutlich niedriger als am Niederrhein oder im Westmünsterland.
Arbeitsplatzdichte und ÖPNV-Angebot könnten ein Grund sein. Aber warum ist die Quote dann im Sauerland und Siegerland so niedrig wie im Ruhrgebiet, aber im Weserbergland am höchsten in ganz NRW?

Die wichtigste Rolle spielt sicherlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – und zunehmend geht es da nicht nur um die Frage der verlässlichen Kinderbetreuung, sondern auch darum, wie pflegebedürftige Familienangehörige versorgt werden.
Sie haben ja im Antrag das Kompetenzzentrum für Fachkräftesicherung erwähnt.
Das hat in einer Studie dargestellt, dass für mehr als 40 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen einer dieser beiden Punkte der Grund für die Teilzeit ist.
Für etwa 20 Prozent sind es eher gesundheitliche Gründe. Da kann man wenig machen. Bei etwas mehr als 20 Prozent ist es eine Frage der Lebensqualität – auch da ist es schwer, politisch etwas zu bewegen.
Nur 5 % finden keinen Vollzeitjob. Nur da sind Unternehmen und Wirtschaftspolitik gefordert.
Deshalb sind am sinnvollsten und effizientesten Investitionen in die Rahmenbedingungen von Kinderbetreuung bis Pflege, die es Frauen ermöglichen, eine berufliche Tätigkeit – am besten in Vollzeit – aufzunehmen.
Da sind wir uns ja wohl auch alle einig.

Ansonsten aber wird man vor Ort genau hinschauen müssen, was erforderlich ist. Und das geschieht ja auch. In den Kompetenzzentren Frau und Beruf, in den Arbeitsagenturen, in den Kommunalverwaltungen und in den Kammern.
Klar hätten wir es gerne, dass wir hier in Düsseldorf nur an ein paar landesweit greifenden Schrauben drehen müssen und schon entscheiden sich mehr Frauen dafür Vollzeit statt Teilzeit zu arbeiten. Es sind aber höchst individuelle Entscheidungen, die aus höchst individuellen Gründen in Gemengelagen getroffen werden, die von gleich mehreren Faktoren geprägt werden.
• Die verlässlichste Betreuung in der Kita um die Ecke nützt mir eben nichts, wenn der Weg zum Arbeitsplatz zu lang ist, um rechtzeitig zurück zu sein, wenn die Kita schließt.
• Die Ganztagsschule hilft nicht bei der Pflege eines Elternteils.
• Gleitzeitregelungen nützen wenig, wenn ich in der Produktion oder im Krankenhaus im Schichtbetrieb arbeite.
• Und Homeoffice-Regelungen sind in den meisten Gesundheitsberufen wenig sinnvoll.
Oft ist es aber auch so, dass eine gute Idee oder eine individuelle Unterstützungsmaßnahme die Entscheidung ermöglichen.
Das gelingt vor Ort am besten.
Den großen landesweiten Wurf gibt es nicht – und Ihr Antrag ist es auch ganz sicher nicht. Aber wir heben ihn uns gut auf, für den Fall, dass Sie demnächst mal wieder dagegen sind, dass irgendwo mehr gearbeitet werden soll.
Ihren Antrag lehnen wir ab.

Dokumente / Verweise